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Nicht nur lesen, mitmachen:
…wir ham’ da mal `ne Frage und wollen’s von Dir wissen.
Wir möchten eine Selbstuntersuchung initiieren. Bei diesem Projekt stehen alle Teilnehmenden und deren Lebensbedingungen unmittelbar im Mittelpunkt. Im Besonderen soll es dabei um Arbeits- und Reproduktionsverhältnisse gehen.
Da (fast) aller Alltag grau ist, behaupten wir, dass wir eine bessere Welt nur dann erreichen können, wenn wir unsere Lebenssituation zum Ausgangspunkt für Widerstand und Veränderung annehmen.
Hierzu möchten wir Euch einladen! Nehmt hierzu bis Ende September mit uns Kontakt auf!
Projektvorstellung:
1. Klassenzusammensetzung: Grobe Vergangenheitsbewältigung
Soziale Kämpfe hießen einst Klassenkämpfe. Die Existenz und die Kämpfe der fordistischen ArbeiterInnenklasse waren wesentlicher Bezugspunkt für linke Theorie- und politische Strategiebildung.
Grundlage hierfür waren nicht nur die vergleichbaren Arbeitsbedingungen in den Fabriken, sondern auch die geschlechtliche Arbeitsteilung. Hinzu kamen vergleichbare Bedingungen in den Lebens- und Reproduktionsverhältnissen, den so genannten Arbeitermilieus. Die Arbeiterklasse war bis in die 1960er Jahre hinein weiß, männlich, zum Facharbeiter ausgebildet und verfügte über eine gesicherte und lebenslange Erwerbsperspektive.
Objektiv ausgebeutet, wähnten sich Teile der Klasse in einer am gesellschaftlichen Reichtum teilhabenden Position und erfüllten sich den Traum vom Reihenhaus. Andere hingegen nutzten die relativ gesicherten Beschäftigungsverhältnisse (bzw. Möglichkeiten zur Beschäftigung), um einige der vehementesten und erfolgreichsten Arbeitskämpfe in der Geschichte der BRD zu führen. Hinzu kamen in den 1960er und 1970er Jahren durch ArbeitsmigrantInnen und die zunehmende Beschäftigung von Frauen weitere Impulse in die Klassenauseinandersetzungen.
Da sich die Arbeiterklasse relativ homogen darstellte, waren einheitliche Interessen nicht nur identifizierbar, sondern auch vielfach durchsetzbar. Die Kräfteverhältnisse drückten sich dann in den zwischen Gewerkschaften und Unternehmerverbänden abgeschlossenen Tarifverträgen aus. Neben diesen Interessenvertretungen war auch der Staat aktiver Gestalter der Lebensbedingungen. Sowohl Wirtschafts- als Sozialpolitik trugen umverteilende Elemente.
Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die gesellschaftliche Entwicklung bis Ende der 1970er Jahre geprägt war durch ausgleichende Mechanismen. Für diese zeichneten Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und der Staat verantwortlich.
2. Klassenzusammensetzung: Grobe Realitätserfassung
Von alledem ist heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur wenig übrig geblieben. Seit Beginn der 1980er hat sich die Klassenwirklichkeit radikal verändert, die Klassenzusammensetzung ist eine völlig andere. Viele Arbeits- und Lebensverhältnisse müssen heute als prekär bezeichnet werden.
Beschäftigung ist ein knappes Gut, Existenz sichernde Beschäftigung ein noch knapperes und eine Bedürfnisse befriedigende Beschäftigung ist kaum noch zu haben (, falls es die je gegeben hat…).
Im Bereich der Fabrikarbeit haben Umstrukturierungen, zunehmende Automatisierung und Ausgliederung bis hin zum Wegbrechen ganzer Industriezweige den notwendigen Druck auf die Beschäftigten erzeugt, der das Kräfteverhältnis in der Klassenauseinandersetzung eindeutig zugunsten der Arbeitgeber verschob. Abgesehen von der absolut schrumpfenden Zahl von in der Fabrik Arbeitenden entstand in der Produktion „neue“ Beschäftigung vielfach im prekären Gewand der Leih- und Zeitarbeit.
Kräftige Ausdehnung hingegen erlebte in den vergangenen Jahren mit dem Dienstleistungssektor ein Wirtschaftsbereich, der „traditionell“ durch so genannte Mini-Jobs und Scheinselbstständigkeit gekennzeichnet ist.
Der beschäftigungslose Rest der Gesellschaft wird heute gut und gern als „überflüssig“ bezeichnet.
Eine derart zerklüftete Klassenzusammensetzung hat zunächst einmal eines hervorgebracht: Eine vertretungslose Arbeiterklasse. Die gewerkschaftliche Vertretung des weißen, männlichen Facharbeiters wird zunehmend bedeutungs- und wirkungslos.
Seit den 1980er Jahren hat sich auch das politische Dogma gewandelt: Vom regulierenden und ausgeprägten Sozialstaat hin zum Deregulierungs- und Kontrollstaat. Fürsorgeleistungen wurden seither umfassend gekürzt bzw. „privatisiert“.
Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die gesellschaftliche Entwicklung der letzten 25 Jahre geprägt war durch Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse und den Abbau des Sozialstaates. Der Angriff der herrschenden Klasse war umfassend und erfolgreich, nicht zuletzt weil die zerklüftete Arbeiterklasse nicht in der Lage war, Gegenmacht aufzubauen und Interessen durchzusetzen.
3. Die wirkliche Wirklichkeit
Die obige holzschnittartige Darstellung wesentlicher Veränderungen in der Klassenzusammensetzung gibt, wenn sie denn richtig ist, keinen Anhaltspunkt, wie soziale Kämpfe und Arbeitskämpfe heute geführt werden können und wer Träger dieser Kämpfe sein kann.
Objektiv kann die Arbeiterklasse weiterhin zusammengefasst werden als Personenkreis, der nur durch den Verkauf seiner Arbeitskraft überleben kann. Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!...und ihr seid frei! So zutreffend diese Handlungsanweisung im Allgemeinen in einer kapitalistischen Gesellschaft ist, so wenig leitet sich aus ihr im Besonderen eine kämpferische Praxis ab.
Es gilt, die Sache auf den Kopf zu stellen: Mit dem Wissen im Rücken, dass die kapitalistische eine Klassengesellschaft ist, nehmen wir nicht unsere objektive Rolle als Ausgangspunkt unserer Überlegungen, sondern die subjektive.
Gemeinsam schauen wir genau hin: Was kennzeichnet unsere Beschäftigungsverhältnisse? Was kennzeichnet unsere Reproduktionsverhältnisse?
Denn Licht ins Dunkel bringt nur, wer sich mit seiner Situation auseinandersetzt und diese aus der Realität interpretiert.
Hierzu möchten wir gern offene Gesprächsrunden führen: JedeR, der möchte, kann seine Lebensrealität schildern. Das, was ihm gefällt genauso, wie das, was ihm stinkt.
4. Die Ziele
Es mag erbauend sein, zu erfahren, wer sich mit was beschäftigt und wen was bedrückt. Aber diese Auseinandersetzung soll kein Selbstzweck sein, so dass wir zum Abschluss der Gesprächsrunden lediglich festhalten können „so ist das also“.
Vielmehr verfolgen wir mit diesen Gesprächsrunden mehrere Ziele:
- Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, die auf Ausbeutung fußt. Unser Eindruck jedoch ist, dass viele genau diesen Aspekt aus Ihrem Bewusstsein ausblenden. In Fragen der Beschäftigung oder Beschäftigungslosigkeit wird vielfach individuellen Lösungen der Vorrang gegeben. Unser Ansatz fußt auf Kollektivierung!
- Wir möchten erreichen, dass der Infopoint auf diese Weise ein lebendiger Raum wird, der Ausgangspunkt von antikapitalistischem Widerstand ist.
- Wir möchten herausfinden, wer die Akteure antikapitalistischer Praxis in der Zukunft sind. Die Vertretung durch die Gewerkschaft ist ein Ding, die Vertretung durch die Linkspartei ein anderes. Welche anderen Akteure in Klassenauseinandersetzungen kann es geben? Konsumenten? Studenten? Autonome?
- Wir möchten herausfinden, wie wir im Kleinen und Großen unser Leben verbessern und die Welt verändern können. Welche Klammer der „Arbeiterklasse“ gibt es? Das Grundeinkommen? Den Mindestlohn? Die Revolution?
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